Unterwegs im "Wilden Süden" der Philippinen
- Erfahrungsbericht einer Ärztin für die Dritte Welt -

Seit 1993 verbringt Dr. med. Marion Reimer, Chefärztin der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin im St. Franziskus-Hospital, Köln-Ehrenfeld, jedes zweite Jahr ihren Jahresurlaub mit dem Komitee “Ärzte für die Dritte Welt” auf der südphilippinischen Insel Mindanao, um in abgelegenen Bergdörfern die Menschen basismedizinisch zu versorgen. Regelmäßig alle acht bis zwölf Wochen werden diese Dörfer von einem Arzt und einem einheimischen Helferteam besucht und pro Tag ca. 80 bis 150 Patienten versorgt, darunter vor allem Kinder. Ihr siebter Einsatz war für das Jahr 2006 geplant. Es werden hauptsächlich Wurmbefall, Krätze, Durchfall, Tuberkulose, Typhus, Malaria behandelt: fast alles Armutserkrankungen. Schwerere Fälle können in zwei kleinen vom Komitee finanzierten Hospitälern stationär aufgenommen werden. Ein drittes Hospital mit angeschlossenem Waisenhaus und einem Landwirtschaftsprojekt ist im Aufbau. 

Auszugsweise schildert sie aus einem ihrer Einsatzberichte.

Es gibt kaum einen größeren Unterschied zwischen meinem Leben zu Hause und hier auf den Philippinen während einer "rolling-clinic"-Tour. Morgens gegen vier Uhr werde ich - abgesehen vom ständigen nächtlichen Hahnengeschrei und Hundegebell - von einer scheppernden Glocke geweckt, die zur Messe ruft. Unser Team (Schwester, Fahrer und health-worker) und ich wohnen im Augenblick in einem Konvent (eine etwas größere Holzhütte) eines katholischen Priesters, der Waisenjungen betreut, und den "German Doctors" einen Raum abgibt. Ich versuche mich noch mal auf meiner Isomatte umzudrehen und döse bis halb sechs. Dann ist der Lärm draußen doch zu laut und es außerdem hell geworden. Ich verstaue die Ohrstöpsel, suche meine Brille und krieche unterm Moskitonetz vor, das ich schnell wieder schließe, um keine Malaria- und Dengue-Fieber-Mücken einzuladen. Jetzt folgt das Abenteuer des morgendlichen Bades. Nach dem Besuch des "Comfort-Room" (der sogar mit einer winzigen Porzellanschüssel und einem Eimer Wasser zum Nachspülen ausgerüstet ist) gehe ich in den Verschlag daneben, dessen Dach nach dem nächtlichen Regen etwas tröpfelt. Ungefähr in 40 cm Höhe über dem Fußboden gibt es einen Wasserhahn und einen kleinen und großen Eimer. In den großen Eimer lasse ich Wasser laufen (es läuft auch!), mit dem kleinen übergieße ich mich, seife mich ein und spüle Shampoo und Seife wieder ab. Immerhin bin ich relativ unbeobachtet; in anderen Dörfern musste ich mich morgens am Dorfbrunnen inmitten kichernder Kinder- und Frauenscharen und bekleidet versuchen zu waschen! Nach dem Sortieren der Kleider aus dem großen Seesack wird gegen halb sieben zum Frühstück gerufen: auf dem Tisch stehen (wie zu jeder Mahlzeit) große Schüsseln gekochter ungesalzener Reis, sowie einige kleine Schälchen mit Büchsenfisch, Gemüse, gekochtem Hähnchen oder Rührei. Bei dieser doch recht einfallslosen Küche habe ich nicht allzu viel Appetit (was ja nicht schadet!); abgesehen davon greifen alle am Tisch mit Gabel, Löffel oder Fingern ins Essen. Nach dem Frühstück packe ich meine für die tägliche Sprechstunde benötigten Utensilien in einer großen Tupper-Dose zusammen: Stethoskop und Ohrspiegel, Mundspatel, Urinstixe, ein kleines Lehrbuch für Basismedizin, Fotoapparat, Sonnenhut, Mückenschutzmittel … .

Gegen halb acht setzt unser Fahrer den Jeep unter Dieselrauch; wenn er das Auto überprüft hat und alle Medikamenten- und Impfkisten eingepackt sind, steigen wir zu fünft (mit noch einer lokalen Helferin) ein. Jetzt geht es über Stock und Stein, durch Schlamm und Bäche die Berge hoch; meist haben wir eine Stunde Fahrzeit. Zwischendurch müssen alle aussteigen, damit sich das Fahrzeug mit weniger Gewicht wieder aus dem Matsch herausarbeiten kann. Im Augenblick scheint morgens die Sonne; es ist gegen acht Uhr schon 30 Grad heiß. Die Landschaft ist wunderschön, wohin das Auge blickt, nur Grün von Bananenstauden, Kokospalmen, Zuckerrohr, Mangobäumen und wild wachsendem blühendem Gestrüpp. Die Berge haben seltsame Formen, sind wohl nach Vulkanausbrüchen entstanden; an einigen Hängen sieht man riesige Lavabrocken aus Urzeiten herumliegen. Wenn der Weg immer steiler und enger wird und ich denke, dass wir jetzt gleich ganz sicher stecken bleiben, sind wir an unserem Bestimmungsort angekommen: ein kleines Dorf, bestehend aus zwanzig bis dreißig Stroh- und Wellblechhütten, manche von ihnen sehr baufällig und schief, andere gepflegt und mit Blumen vor der Tür (in Konservendosen) und hübsch geflochtenen Bambuswänden.

Unsere Sprechstunde findet in einem überdachten Unterstand statt, neben dem Betonplatz, den jedes Dorf zum Mais-, Reis-, Kaffeetrocknen und Basketballspielen hat, und dem so genannten "health-center", einem 10-Quadratmeter-Häuschen, in dem die Dorf-Hebamme meist nicht mehr als ein paar Aufklärungsplakate vorrätig hat. Aus unserem Jeep werden die Medikamenten- und Impfkisten ausgepackt (einschließlich eines "emergency-kit", der mit ein paar Ampullen Adrenalin, Atropin, Furosemid, Magensonden, Blasenkathetern, Verbandsstoffen, kleinem chirurgischen Besteck und zwei Flaschen Infusionslösung bestückt ist). An Medikamenten stehen uns etwa 50 Präparate: Antibiotika, Wurmmittel, Schmerzmittel, Eisenpräparate, Antihypertonika, Augertropfen, Dermatologika etc. zu Verfügung; damit muss ich im Wesentlichen für alle Krankheitsbilder auskommen.

Jetzt haben sich schon einige Patienten, vor allem Mütter mit Kindern eingefunden; diese werden vom health-worker registriert, Gewicht, Blutdruck und Fieber gemessen und mit den Hauptbeschwerden in die so genannte "blue card" eingetragen. Mit dieser Karte kommen die Patienten zu mir und meinem Übersetzer (unserem Fahrer). Ich habe mir ein wackeliges Tischchen mit meinen Materialien eingerichtet, der Patient nimmt vor mir auf einem Hocker Platz. 
Da alles in der Öffentlichkeit stattfindet, kann ich nur die Babys und Kinder ausziehen lassen, ansonsten bleibt mir nichts anderes übrig, als mir unter den T-Shirts mit dem Stethoskop einen Weg zu suchen. Manchmal, vor allem bei etwas intimeren Beschwerden, kann ich nur raten, was dahinter steckt oder mit dem Patienten, wenn er denn will, in einer der Hütten verschwinden.
Aber die meisten Patienten sind Kinder mit laufenden Nasen, eiternden Geschwüren an den Beinen, Wurmbäuchen und Durchfällen. Bei ihnen ist es noch relativ einfach, Diagnosen zu stellen, während die Erwachsenen viele unklare Beschwerden, wie "dizziness", "numbness pain all over the body on and off" beklagen. Ich ringe mich, auch nach Beratung mit dem Übersetzer, zu einer Diagnose durch, trage meine Befunde und die verordneten Medikamente in die blaue Karte ein, und gleich sitzt der Nächste vor mir auf dem Hocker.

Die Patienten, die ich gesehen habe, gehen mit ihrer Karte zur Schwester, die die Medikamente nochmals mit genauer Anweisung und dazugelegter Beschreibung (auch für Analphabeten) verteilt, nach dem Impfstatus fragt, dann auch impft und die Patienten damit nach Hause entlässt. Diese bleiben aber noch ein Weilchen, in der Hoffnung, etwas Aufregendes, zum Beispiel eine Abszessspaltung (die ich hier ohne Narkose durchführen muss) mitzuerleben. Mit kleinen Unterbrechungen und einer halbstündigen Mittagspause (Reis mit Hühnchen oder Fisch) versorgen wir so bis nachmittags 100 bis 150 Patienten. Selten sind ganz Schwerkranke dabei; aber dennoch hatte ich auch jetzt wieder mehrere Patienten mit auszehrender Tuberkulose, Typhus, Herzfehlern, Epilepsie, Malaria, Amöbenleberabszess, die lebensgefährlich erkrankt waren und die ich Gott sei Dank nach Valencia (einer Kleinstadt, 50 km entfernt) schicken kann, wo die "German Doctors" ein kleines Hospital mit 40 Betten und einem TB-Pavillon, sowie Labor, Ultraschall und Röntgenmöglichkeit haben. Hier werden die unterernährten Kinder aufgepäppelt, den TB-Kranken mit Pleura-Empyem Drainagen gelegt und vor allem Diagnosen, die wir "im Feld" nur raten können, gestellt, so dass eine effektive Behandlung möglich ist. Gegen Nachmittag regnet es, zeitweise auch recht heftig, so dass wir am Ende der Sprechstunde schauen müssen, alle Medikamentenkisten und uns wieder einigermaßen trocken einzupacken.  Nach einem Umweg über den lokalen Markt, wo wir frisches Gemüse und Obst, Hühnchen oder Fisch (ohne Kühltheke, aber mit Fliegen!) erstehen, geht´s in der Dämmerung zurück zur Unterkunft.  
Während unser Team unter Singen, Gelächter und Schwatzen das Essen vorbereitet, habe ich jetzt etwas Zeit zu lesen, zu schreiben oder auch Löcher in die Luft zu gucken – das geht einfacher als in Deutschland; gegen 17.30 Uhr wird es dunkel, dann gibt´s was zu essen (Fisch oder Hühnchen mit Reis) und gegen 20 Uhr fange ich an, mich bettfertig zu machen. Meist schlafe ich schon um 21 Uhr, weil es nichts anderes zu tun gibt und das Lesen bei fahlem Neonlicht oder dem Schein der Taschenlampe sehr anstrengend ist … .

Wussten Sie, dass ...

Das Komitee Ärzte für die Dritte Welt: "Alle drei Sekunden stirbt ein Kind, weil lebensrettende Helfer und Medikamente fehlen. Das sind am Tag rund 30.000 Kinder - gestern, heute, morgen. Sie sterben an Durchfall, weil sie und ihre Eltern keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Oder sie sterben an bei uns längst vergessenen Infektionskrankheiten wie Masern, Keuchhusten, Tetanus oder Diphtherie, weil sie nicht geimpft sind. In Flüchtlingslagern in Somalia habe ich vor zwanzig Jahren erleben können, wie ein Arzt häufig schon mit bescheidenen Mitteln helfen und sogar lebensrettend tätig sein kann. Damals war ich als Koordinator des Komitees Cap Anamur im Einsatz.
Angesichts des Massenelends in der Dritten Welt beschloss ich 1983, eine Hilfsorganisation mit deutschen Ärzten aufzubauen. Die Idee dabei war, bereits Einsätze von einer Mindestdauer von anderthalb Monaten zu akzeptieren. So können Ärzte ihren Jahresurlaub nutzen, um in Notstands- und Armutsgebieten der Dritten Welt Hilfe zu leisten, ohne gleich zu "Aussteigern" werden zu müssen. Bedingung ist allerdings, dass sie unentgeltlich arbeiten und mindestens die Hälfte ihrer Flugkosten in das jeweilige Projektland selbst bezahlen. Spesen oder Aufwandsentschädigungen gibt es nicht. Mittlerweile unterhalten wir neun medizinische Hilfsprojekte in verschiedenen Ländern der Dritten Welt: in Indien, Bangladesh, Nicaragua, Kenia und auf den Philippinen. 
Bei einem Großteil der Ärzte bleibt es nicht bei einem Mal: jeder dritte der mitarbeitenden Ärztinnen und Ärzte war bereits mehrfach in einem solchen Einsatz. Durch dieses Engagement können wir ständig mehrere Ärztinnen und Ärzte innerhalb fester Langzeitprojekte in die überbevölkerten Slums von Millionenstädten in der Dritten Welt schicken. Sie arbeiten vor Ort grundsätzlich mit einheimischen Schwestern und einheimischen Helfern. Die einheimischen Mitarbeiter sind für uns unverzichtbare Brücken und sprachliche Übersetzer, die uns das Verstehen und das Einfühlen in die fremde Kultur und die anderen sozialen Verhältnisse erleichtern.
Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen: wenn Sie diese Zeilen lesen, sind 32 Ärztinnen und Ärzte irgendwo unentgeltlich für die Menschen, die sich nicht selber helfen können, für Menschen im Elend, tätig. Sie schenken ihr ärztliches Können und menschliche Hoffnung." 

Dr. Bernhard Ehlen wurde am 5. März 1939 in Berlin geboren, 1958 tritt er in den Jesuitenorden ein. Er studierte Philosophie, Theologie und Pädagogik. 1968 wurde er zum Priester geweiht. Nach 13jähriger katholischer Jugendarbeit gründete er 1983 das Hilfskomitee "Ärzte für die Dritte Welt". Seitdem ist er unentgeltlich als Geschäftsführer des Komitees tätig.

Das Komitee „Ärzte für die Dritte Welt“ finanziert sich aus Spenden, Bundesmitteln für die Entwicklungshilfe, sowie Bußgeldeinnahmen. Jede Projektspende fließt zu 100 Prozent in die Projektarbeit, da ein separater Förderkreis die gesamten Verwaltungskosten übernimmt.

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